Zuviel der Dekadenz

23.10.2008

Gleich zweimal begegnete mir in den letzten Tagen der Einwurf von Politikern aus der Rathausriege, ein Vorschlag sei „dekadent“. Beim ersten Mal ging es um die Straßenbeluchtung eines Hundeauslaufplatzes, beim zweiten um Luxusstellplätze in einer Quartiersgarage.

Der Hundeauslaufplatz sei der beliebteste der Stadt, und werde von Hundebesitzern frequentiert, die auch nach Einbruch der Dunkelheit Gassi gingen, und auch die hätten ein Sicherheitsbedürfnis, hieß es zur Begründung, warum eine Beleuchtung dieses Platzes nötig und angemessen sei. Einwurf der Gegenmeinung, „Straßenbeleuchtung für Hunde“ sei „dekadent“. Und die extrabreiten, bewachten Quartiersgaragenstellplätze zu 420 €/Monat fänden gute Abnahme. – „Dekadent“.

Nun ist Dekadenz so eine Worthülse, eines der weniger nützlichen Werkzeuge aus dem Werkzeugkasten der guten alten Tante SPD, sie ist den Grundsätzen des Marktes zuwider, alles, für das sich eine Nachfrage findet (im Rahmen der Gesetzeslage), auch anzubieten, und ihr Einfluß auf einen behaupteten Niedergang unserer Gesellschaft liegt definitiv im Auge des Betrachters.

(C) Fritz-Ulrich Siewert, FlickrIch fühlte mich da vielmehr spontan bemüßigt darauf hinzuweisen, daß sowohl die Hunde als auch ihre Besitzer Steuerzahler sind, daß sie sich an speziell diesen Orten nur aufhalten, weil man ihnen den Auslauf anderswo verboten hat, daß es sich damit um den ihnen zugewiesenen öffentlichen Raum handelt, und warum dann bitteschön die öffentliche Hand gerade hier nicht die Aufgabe haben solle, diesen öffentlichen Raum auch zu beleuchten. Des weiteren war ich sofort bereit, ein kleines Denkmodell zu kreieren, das vielleicht einen ökologischen Nutzen stiften könnte, ohne den eigentlichen Nutzen allzu stark einzuschränken: nämlich eine druckknopfgesteuerte Bedarfsbeleuchtung. Der umzäunte Platz lädt gerade dazu ein, an seinem Eingang einen normalen Ampelknopf anzubringen, der dann für, sagen wir, zehn Minuten bis eine Viertelstunde Licht bringt. Damit ist gewährleistet, daß das Licht nicht den an einem regnerischen Abend menschenleeren Platz zum Spaß beleuchtet, die Anschaffungskosten bleiben zwar, erhöhen sich aber immerhin auch so gut wie nicht, und die laufenden Kosten dürften signifikant sinken.

Und spätestens der Luxusparkplatz ist nun wirklich ein ganz klarer Fall von Angebot-und-Nachfrage: wird er angenommen, und zahlt sein Nutzer den angemessenen, kostendeckenden Preis, dann warum bitteschön nicht?

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Wahl: Ein Optiker und zwei Friseure

11.8.2008

Wahlen stehen an in Düsseldorf. Nach dem Tod des Oberbürgermeisters im Amt ist dasselbe neu zu besetzen. Die beiden Kandidaten, die uns auf Plakaten angucken, haben offensichtlich den gleichen Optiker – beide setzen auf minimalistische, randlose Glasbausteine. SPD-Frontfrau Kortmann hat dabei den besseren Friseur, während Elbers‘ Haarhelm von der Art ist, die zu Karikaturen einlädt.

Elbers ist ein Scheinriese: Er ist wahlweise kleiner als fußballspielende Kinder, größer als nette alte Damen und ungefähr zweidrittel so groß wie der Turm von St. Lambertus, jedenfalls, wenn man den Wahlplakaten seiner Partei glauben will. Kortmann ist übrigens, im richtigen Leben, relativ klein, auf Wahlplakaten aber sowieso nur ein Gesicht, denn sie muß sich erst bekannt machen. Elbers dagegen muß sich den Vorwurf gefallen lassen, er nutze das Amt – er ist ja schon Bürgermeister, und muß nur noch den „Ober“ auf dem zweiten Bildungsweg nachmachen – dazu aus, sich in den Vordergrund zu rücken und reiße alle öffentlichkeitswirksamen Termine an sich. Leider wirkt er dabei nicht staatstragend, sondern sieht ein bißchen aus wie ein großer Junge, der noch zu Hause bei Mutti lebt.

Trotz der persönlichen Vor- und Nachteile der Kandidaten ist die Wahl vermutlich schon entschieden: Elbers dürfte sie gewinnen, es bleibt nur die Frage, mit welcher Eindeutigkeit; die Kandidaten der kleinen Splitterparteien sind ohnehin nur Randfiguren, die schon dafür Spott auf sich ziehen, es überhaupt versucht zu haben.

Mir will irgendwie nicht in den Kopf, wieso wir uns diese Wahl überhaupt antun müssen. Eine Stellvertreterregelung haben doch die meisten politischen Ämter, einen Vizekanzler, einen Vice President, da kann Elbers nicht als Vize-OB das Amt kommissarisch halten? Schon 2009 stehen die Kommunalwahlen sowieso wieder an. Und stellen wir uns nur einmal vor, Kortmann gewänne den Titel der OB für die SPD, so hätte sie mindestens für diese Zwischenperiode ein Amt ohne Mehrheit – welche Chancen hätte sie da überhaupt, in der kurzen Zeit irgendeine eigene Veränderung einzubringen? Volkes Wille, fürchte ich, ist das nicht.


Neonazis gegen Moschee in Rath

3.8.2008

In Rather Briefkästen findet sich heute ein besonders häßliches Flugblatt der NPD, das gegen den Bau einer Moschee in Rath hetzt. Neben sehr unangenehm „völkischen“ Phrasen und keinerlei neuen Fakten ziert das Flugblatt eine wirklich widerliche Karikatur, die mit der Neonazi-Sichtweise ethnischer Merkmale spielt.

Meines Wissens geht von der NPD in Düsseldorf insgesamt keine große Gefahr aus, in Rath ist sie sicher nicht speziell vertreten, anders als es der Text des Flugblatts suggeriert. Vor allem aber glaube (hoffe) ich, daß ein solcher Schuß übers Ziel hinaus einen eher gegenteiligen Effekt auf die Sache der Moscheegegner hat: Diejenigen, die sich z. B. in der Bürgerinitiative (deren Website ist übrigens offline) formiert haben und sich selbst noch als „anständige Bürger“ titulieren würden, dürften eher wenig begeistert davon sein, plötzlich mit den Neonazis in einer Ecke zu stehen.

Wer wirklich auf einen ausgewogenen Stadtteil aus ist, und wer die Fakten kennt, z. B. daß die marokkanische Gottesdienststätte in Rath schon lange, friedlich und problemlos existiert und jetzt nur ein paar Häuser weiter zieht, der wird wissen, was er von einem Auftritt der NPD in Rath zu halten hat.


Rath doch sicherer als gedacht

10.5.2008

„Wie sicher leben wir in Rath?“ fragte die CDU bei einem Stammtisch. Viele waren sicher gekommen, um ihre subjektiven Erwartungen bestätigt zu sehen, doch sie erfuhren etwas ganz anderes: „In Rath lebt man nicht unsicherer als in anderen Stadtteilen.“ Kriminalhauptkommissar Schnabel hatte sich mit Statistiken gerüstet, die zeigen, daß Rath, verglichen mit sechs anderen vergleichbar großen Stadtteilen, gerade im Mittelfeld liegt. Die wachsende Gewaltbereitschaft der Jugendlichen konnte Schnabel ebenfalls nicht sehen, 50 % der Täter bei Körperverletzungen sind zwischen 30 und 49 Jahre alt, außerdem ist ihre Gesamtzahl rückläufig. Bleibt der hohe Ausländeranteil: 23,9 % der Rather sind Ausländer, und auch bei den Täterzahlen findet man sie mit einem Viertel genau im entsprechenden Anteil wieder.

Anscheinend weicht die „gefühlte Kriminalität“ von der gemessenen ab. Wenn es in Rath eine Dunkelziffer nicht angezeigter Taten gibt, ist das aber nicht Schuld des Auges des Gesetzes (Sprechstunde des BüNaBe ist übrigens donnerstags um 10:00 im Awo-Zentrum Plus auf der Westfalenstraße).

Für mehr gefühlte Sicherheit sorgen soll denn auch Ratsfrau Sylvia Pantels nächster Vorschlag: Die S-Bahn-Unterführung, die vielen Menschen nicht behagt, soll eine Videoüberwachung erhalten. Wir erinnern uns an aktuelle Statistiken aus Kamerahochburgen wie London oder dem Bolker Stern, die Ergebnisse zeigen sämtlich keinen Kriminalitätsrückgang, sondern eine verbesserte Aufklärungsquote. An einem Ort, an dem es nur gefühlte Kriminalität gibt, genau die richtige Waffe…

„In other news“, wie der Ami sagt, hat der Bürgerverein Rath nach seiner jüngsten Sitzung in Robert Winkels wieder einen handlungsfähigen Vorstand. Der nächste Martinszug kann kommen, und er kommt früher als gedacht, und das unsägliche Jahr in Abwesenheit von Christoph N. sei möglichst schnell vergessen.


Familienminister ohne Fortune: Laschet und die Doppelnamen

7.1.2008

Die politische Debatte um Erziehungscamps (die selbst auf höchster Ebene nicht Lager heißen dürfen, weil das Wort zum belasteten Vokabular gehört) verdiente bereits den gern verwendeten Namen „ein Stück aus dem Tollhaus“, bevor sich der glücklose NRW-Familienminister Laschet den jüngsten Schnitzer leistete: Wohl damit beschäftigt, sich darauf zu konzentrieren, seine Kollegin Roswitha Müller-Piepenkötter im täglichen Umgang nicht versehentlich mit Heidemarie Wieczorek-Zeul anzureden, verwechselte der den vollmundig angekündigten ersten Standort eines solchen Lagers, Bedburg-Hau, mit Neukirchen-Vluyn. Dessen Bürgermeister reagierte prompt angepißt, man hätte ihn ja zumindest mal vorab informieren können, das Chaos war komplett.

Wir hätten da noch ein paar Einblicke in die hiesige Landkarte anzubieten: Kamp-Lintfort zum Beispiel, Heeren-Werve oder Hagen-Spielbrink-Büdding (sic) liegen alle im Regierungsgebiet des armen Armin. Es wird noch schwer werden für ihn.


nach „tschö Eva“ jetzt „tschö Manes“

22.9.2007

Immer wieder überraschend kommt es für mich, daß es für manche Person des öffentlichen Lebens immer wieder überraschend kommt, daß Nazivokabular regelmäßig mit öffentlicher Ächtung abgestraft wird. Innert allerkürzester Zeit hatten wir jetzt Eva Herman, Kardinal Meisner und jetzt den Düsseldorfer Kabarettisten, Wirt und (Ex)-Radiomoderator Manes Meckenstock.

Dabei ist es, wie in jedem der Vorgängerfälle, egal, was man über das Gesagte denkt, egal ob die Familienwerte in den 1930ern auch ohne Nazis noch besser waren als heute, egal, ob man des Kardinals Meinung über Kultur (oder Domfenster) teilt und es ist sicher egal, wenn man keine Sympathie für die Moderatorin Gülcan und ihre öffentlich breitgetretene Hochzeit, zu der nicht einmal Schwiegervater Kamps kommen wollte, hegt. Es geht allein darum, daß es nicht klug ist, bestimmte Worte wieder aufzugreifen, und daß das eigentlich einfach jeder weiß. Komisch, daß es einige trotzdem nicht lernen.


Moschee in Rath

17.9.2007

Der marokkanische Eltern- und Jugendverein hat das alte Gebäude des S-Bahnhofs Rath gekauft, um dort eine Moschee zu errichten. Der Plan hat die üblichen Verdächtigen auf denselben gerufen: „Rath ist bereits jetzt ein belasteter Stadtteil“ weiß Ratsfrau Sylvia P., und Christoph N. von der sog. „Initiative für soziale Ausgewogenheit“ klagt, er fühle sich in Rath nicht mehr heimisch.

Nun hat Herr N. sich ja jüngst einen Stunt von verheerender Publikumswirksamkeit geleistet, als er sich zum Vorsitzenden des Rather Bürgervereins wählen ließ und dieses Amt dann nicht antrat, so daß die Rather Kinder im November ohne Martinsumzug dagestanden hätten, wenn nicht Altvorsitzender Robert W. eingesprungen wäre, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen – da wäre es nicht verwunderlich, wenn neben ausländischen Mitbürgern jetzt auch eingesessene Rather die Straßenseite wechselten, wenn sie ihn sehen. Das kann sich auf das Heimatgefühl schon unangenehm auswirken, wenn man mit der Verantwortung für sein Tun oder Lassen konfrontiert wird.

Ratsfrau P.s Vorschlag, die Rather sollen doch in die Derendorfer Moschee gehen, hat mit Gleichberechtigung und Religionsfreiheit jedenfalls wenig zu tun. Uns Evangelischen gesteht man ja auch zwei Dutzend Gemeinden und entsprechend viele Gottesdienststätten zu, und die Marokkaner sollen im Nachbarstadtteil die Moschee der Türken mitbenutzen? Dann kann man sie ja gleich in ein Ghetto stecken, wenn ihre Bedürfnisse dort am besten befriedigt werden können. Das befördert Parallelgesellschaften. Die Marokkaner jedenfalls machen alles richtig; sie haben gerade erst einen Tag der offenen Tür veranstaltet, sie verstecken sich nicht.