Freies Sprechen, freies Schreiben


Wann bringt endlich mal jemand Polizeisprechern bei, so zu reden wie die, die ihnen zuhren und nicht so wie ihre beamteten Kollegen? „Der Angetrunkene leistete Widerstand gegen seine Verbringung in Polizeigewahrsam“ (fr „es gab eine schne Kneipenschlgerei“) oder „Daraufhin erfolgte Schuwaffengebrauch“ (fr „He’s dead, Jim“)?

Manchmal schreibt man Dinge, die besser ungeschrieben wren. Ich mute erst einmal selbst Seminare halten, um mich dabei zu ertappen, wie ich Tag fr Tag sagte „Sie haben die Mglichkeit, …“ – Oder man google mal nach „die Meyer & Schulze GmbHiG hat es sich zur Aufgabe gemacht, …“ wohlgemerkt meist in dritter Person ber die Schreibenden selbst angewendet.

Also schreibe man, wie man sprechen wrde? Nun, das geht auch nicht immer gut, manches wrde man jemandem vertraulich sagen, aber besser nicht ffentlich und fr die Ewigkeit schreiben. Und manches wre besser ungeschrieben geblieben: „Wenn Ihr Unternehmen nur 50% von dem hlt, was ich als freier Texter Ihren Noch-, Schon- oder Bald-Kunden glaubhaft versprechen kann, gewinnen Sie in jedem Fall.“ Dieser Satz ist ein Euphemismus, oder schon fast ein offener Aufruf zum Betrug. Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen: Es ist mir egal, ob Sie berhaupt etwas einhalten knnen, ich kann Ihren Kunden alles glaubhaft machen, Sie gewinnen, wenn Sie wenigstens etwas davon erfllen. Nun ja, Werbung darf lgen, das ist inzwischen allen Werbung Treibenden und wohl auch ein paar Werbung Empfangenden bewut („Ariel entfernt acht von zehn Flecken, aber in jedem meiner zehn Hemden ist einer der beiden anderen“). Aber so weit wrde ich in meinem Geschft nicht gehen.

Nachtrag:

Heute war ein schner Herbsttag, den ich mit meinen beiden Kurzen im Wald verbrachte. Da sah ich auch viel Laub. Auerdem hatte ich Mue, ber die heute empfangenen Kommentare nach- und mir eine geeignete Reaktion auszudenken.

Da hatte ich mir vor ca. einer Schwangerschaft an Zeit meinen Frust ber sperrige Texte von der Seele geschrieben, und ein paar Beispiele ersurft. Jetzt kommt eines dieser Beispiele auf mich zu und liefert mir eine lesenswerte Retoure zu meinen Ausfhrungen. Also gehe ich zurck auf die Site, denn jede verdient eine zweite Chance, und lese diesmal ehrlich gesagt etwas mehr als das letzte Mal.

Und stutze. Lese weiter. Finde einen sehr lesenswerten Text zum Thema Webdesigner, der mir aus dem Herzen spricht. Eine kurze Zusammenfassung zu Suchmaschinenoptimierung, in der ich viel, wenn auch nicht nur Zustimmenswertes finde. Einen fast glossenhaften Erfahrungsbericht zur Mitarbeitersuche. Kurz, eine ausgewogene Mischung, eine ansprechende Website, und eine Texterin, mit der ich etwas anfangen knnte – wenn meine Kunden sie bezahlen wrden.

Wenn da nicht immer noch dieser eine Satz wre. Und es ist ja nicht, als wenn er irgendwo klein versteckt sei, nein, er prangt fett auf der Startseite. Kommt daher wie ihr Lebensmotto. Ich gebe auch dem Satz eine zweite Chance, bercksichtige, da er provozieren will. Finde tatschlich eine zweite Bedeutung, aber sie gefllt mir auch nicht besser: „Ich, die professionelle Werbetexterin, habe meine Hausaufgaben gemacht. Wenn Sie, der Hersteller und mein Kunde, Ihr Produkt auch nur halb so gut im Griff htten, wie ich meins, wre alles eitel Sonnenschein. Aber so…“ – spricht man so potentielle Kunden an? Selbst auf einer frech aufgemachten Seite eher nicht. Nein nein, ich werde nicht warm damit.

Und schlielich mu ich noch die Aufforderung verdauen, meinen Satz zu lschen, zurckzunehmen. Verleumderisch sei er. Nun, leider, liebe Frau Laub, macht mir das erhebliche Bauchschmerzen. Das Lschen widerstrebt meiner Idee von Meinungsfreiheit. Ich habe das damals beim Lesen Ihres Satzes so empfunden, und deshalb auch so gemeint. Und das kann ich nicht gut zurckspulen. Das Verleumderische dagegen, das habe ich nicht so gemeint – da ich wei und ja auch schrieb, da Werbung frei ist, die engen Pfade der Wahrheit zu verlassen, habe ich auch mit dem „Aufruf zum Betrug“ den moralischen Betrug gemeint, nicht den strafrechtlichen.

Andererseits habe ich heute viel ber Sie gelernt, und meine Meinung ber Ihre Person und Ihre Website erheblich revidiert. Und ich wei natrlich um die Wirkung einer Google Bomb (wer es nicht wei, google mal nach miserable failure, er landet auf der Website von George im weien Haus am groen Teich), wenn auch meine nur ein Bmbchen ohne jede Wirkung ist. Mein Friedensangebot: Ich habe hier und heute mindestens ein halbes Dutzend „friendly links“ auf Ihre Website gepflanzt. Sie sollten den einen harschen aufwiegen. Angenommen?

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3 Responses to Freies Sprechen, freies Schreiben

  1. Copyhexe sagt:

    Hallo Diogenes,

    ist es nicht fein, wenn Texte polarisieren? Dazu mssen sie gelesen werden und das haben Sie offensichtl. getan. Es ist nunmal die blanke Wahrheit, dass ich als Texter nahezu ALLES versprechen kann. Aber nur wenn die Unternehmen es wenigstens zu 50% – auch einhalten, macht die Werbung Sinn.

    Auf anderen Seiten meiner Domain lesen Sie hnliche Stze, z.B. „Profitgier macht blind“. Schtze, Sie werden lange suchen mssen, um einen Texter zu finden, der sich so deutliche Worte leistet (und davon leben kann) …

    Ich sage „Nein!“, wenn verlangt wird, ich solle halbseidene Nahrungsergnzungsmittel als DAS Mittel gegen Krebs verkaufen.
    Ich lehne Auftrge ab, wenn Unternehmer nicht bereit sind, sich ernsthaft auf einen Perspektivenwechsel einzulassen. Oder offensichtl. mehr an Politik, Karriere und Interna interessiert sind als an Inhalten und Qualitt. Fr mich mssen Leistung und Werbung zusammenpassen. Ist das euphemistisch?

    Sollte es wirklich ungesagt bleiben, dass ich von Auftraggebern von Anfang an verlange, ihre Versprechen einzuhalten? Ist Glaubwrdigkeit irrelevant?
    Sie ist relevanter denn je, und ich bin froh, dass Unternehmen inzwischen immer mehr (gezwungenermaen) verstehen: Der „Kunde im Mittelpunkt“ darf keine Floskel sein. Gestatten Sie, dass ich diesen Anspruch lebe und texte.

    Mit besten Gren,

    Simone Laub am 11. November 2006

    PS: Wie ich mit Freude in Ihrem Blog gelesen habe, sind Sie doch selbst einer, der sich grn rgert ber die Ignoranz der Unternehmen. Eigentlich mssten wir Seite an Seite stehen. Das htte ich Ihnen brigens lieber per E-Mail geschrieben, aber ich konnte keinen Kontaktlink finden…

  2. Copyhexe sagt:

    Ich mchte Sie noch um etwas bitten, denn das geht ja doch zu weit: Der Link auf meine Seite unter dem Linktext „Aufruf zum Betrug“ ist so unfair wie verleumderisch.
    Ich hoffe, nach meinem Kommentar knnen Sie das nachvollziehen und lschen diesen Link. Dazu empfehle ich Ihnen, auf meiner Website den Artikel „Werbetexters Unwort 2006“ in der Rubrik „Rund ums Texten“ zu lesen.

    Simone Laub

  3. Copyhexe sagt:

    Verehrter Diogenes,

    ich habe es nicht anders erwartet. Zu hnlich sehen wir die Unternehmen, zu offen erlebe ich Ihre freie Meinung. Richtig, frei soll sie sein und bleiben. Wie die meine. Der erste Satz, den ich meinem Sohn beibrachte, lautet denn auch: Alle Menschen sollen frei sein.

    Dennoch mchte ich Sie wissen lassen, dass es gerade die Frechheit des ersten Satzes ist, die aus vielen meiner Seitenbesucher Kunden werden lsst. Vor allem solche, die den Leistungsanspruch so ehrlich leben wie ich selbst. Alle anderen knnen mir gestohlen bleiben, knnen sich von autodidaktisch-fernkursgesteuerten Pseudotextern oberflchliches Bla fr viel Geld liefern lassen.
    ICH bin die, die mit 40 Arthrose in den Hften und zwei Bandscheibenvorflle hat, weil sie sich den A… 18 Stunden tglich platt sitzt, um echten Mehrwert auf Websites, in Broschren & Co. zu bringen. Und nebenbei ziemlich klar und direkt den Auftraggebern gegenber artikuliert, wenn die ihre „Effizienz- und Effektivittssteigerung“ weit ber die wahren Grnde unternehmerischer Existenz stellen: Leistung, Kundenorientierung, SERVICE – gerade nach dem Kauf.

    Wie immer ist Wahrnehmung gefrbt von eigenen Erfahrungen (ich zitiere aus Star Wars, Episode I: „Deine Wahrnehmung bestimmt Deine Realitt.“). Ich las auf Ihren Seiten hufiger den Begriff „Betrug“, und so recht Sie im Einzelfall damit haben mgen, so deutlich winkt dennoch eine Erwartungshaltung, die da lauten knnte: „Alles Betrger, alle ihr Geld nicht wert.“

    Umso froher bin ich ber die „friendly links“ und werde nun auch mit einem lachenden Auge diesem einen begegnen, der mit einem so unpassenden Begriff auf meine Leistungen verweist.

    Bis demnchst,

    Simone Laub

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