Unterwegs im Namen des Herrn


„Unterwegs im Namen des Herrn“ war ich, als ich fr die Diakonie unserer Kirchengemeinde neu Zugezogene besuchen sollte. Ein Reisebericht.

Im Rahmen des Diakonieprojekts „unterwegs zu den Menschen“ wollten wir in unserer Kirchengemeinde speziell neu zugezogene Gemeindeglieder besuchen. Ich hatte selbst vor Jahren in einem Gemeindebrief-Artikel beklagt, da uns bei unserem Einzug niemand von der Gemeinde begrt hatte, deshalb war ich jetzt natrlich prdestiniert, mich an dem Projekt zu beteiligen. Aus der Kartei zog ich mir die Zugnge mit kleinen Kindern des letzten Jahres, weil ich ja selbst ein junger Papi bin. Es waren nicht viele – vier Familien.

Mein erstes Besuchsopfer traf ich schon am nchsten Sonntag im Gottesdienst an, neue Gesichter fallen dort auf, jetzt kam eine Familie mit drei kleinen Jungen, nach dem Gottesdienst kamen wir ins Gesprch. Ich kndigte ihnen an, sie dennoch besuchen zu wollen.

Der Zufall wollte es, da drei meiner Besuche fulufig zu erreichen waren: die D-Strae, die B-Strae und der R-Weg liegen nur wenige hundert Meter auseinander. Ich hatte einen Vormittag freigerumt und unsere Begrungsgeschenke eingepackt. Brot, Salz und einen Segensspruch fhrten wir mit uns, dazu den aktuellen Gemeindebrief. Viele meiner „Kandidaten“ waren laut Datei anscheinend allein erziehende, junge Mtter. Tatschlich machte mir an der ersten Haustr, einem renovierten Mehrfamilienhaus der alten Mannesmann-Arbeitersiedlungen, eine junge Frau auf, die gerade der Schule oder Berufsschule entstiegen schien. Auf Mitrauen und Abweisung hatte man uns in der Vorbereitungsgruppe eingestimmt, doch hier sprte ich vor allem Verblffung. Meine Begrung, nicht geprobt, aber dennoch mir selbst relativ gelungen erscheinend, war schnell vorgetragen. Jetzt stand die Begrte, Willkommengeheiene und Beschenkte in der Tr, wendete den Gemeindebrief in ihren Hnden und suchte offensichtlich die Falle, den Bauerntrick, den doppelten Boden. Ich konnte die Situation mit einer aufmunternden Bemerkung, da es wirklich keinen solchen gebe, etwas entschrfen, doch das Gesprch blieb kurz. Es bleibt die Hoffnung, da ihr nach gewisser Einwirkung doch noch ein gutes Gefhl zurckbleibt.

Meine nchste Adresse, ein Altbau mit etwas abenteuerlichem Treppenhaus. Eine alte Dame lt mich unten ungefragt ein, kennt aber selbst niemand im Haus. Kein Vorteil, wie ich bald sehe – drinnen sind keine Namensschilder. Drei, vier Treppen geht es rauf, da begegne ich doch noch einem Hausmeister, der mir den Weg weist. Auch diese Kandidatin ist zu Hause, sie freut sich ganz offensichtlich sehr. „Das ist mir noch nie passiert, da ich zum Einzug besucht werde!“ Sie verspricht, zum bevorstehenden Gemeindefest zu kommen und sich einmal umzusehen.

Als Nummer drei des Vormittags habe ich die aus dem Gottesdienst bekannte Familie auf dem Zettel. Hier werde ich zum ersten Mal hereingebeten, wir kommen in ein gutes und ausfhrliches Gesprch. Der Familienvater, ein Berufssoldat, dem ein Auslandseinsatz bevorsteht, versucht erkennbar, den Weg fr seine Familie whrend seiner Abwesenheit zu ebnen. Mir wird leider viel zu schnell die Zeit knapp. Meine Tagesmutter steht wohl schon zu Hause vor der Tr, als ich mich verabschiede. Ich beschliee, diesen Kontakt spter unbedingt zu vertiefen.

Am Nachmittag mache ich einen Spaziergang mit meinem Zwerg und beschliee, durch die Erfolge des Morgens ermutigt, meine letzte Familie mit Kind im Arm zu besuchen. Ob das eine gute Idee ist? Der Weg zur E-Strae fhrt ins Rather „East-End.“ Ich wute natrlich, da es ein soziales Geflle zwischen Rath und dem selbsternannten Teilstadtteil Oberrath gibt, aber wie weit es innerhalb von Rath noch abwrts gehen kann, hatte ich allenfalls im Vorbeigehen gesehen und diese Straenzge nach den Erfahrungen eines Auslandspraktikums „Kairo“ getauft. Jetzt wurde mir klar, da es dort mitten hinein ging. Das ist es also, was unsere Brgerinitiative „sozialer Brennpunkt“ nennt: Graffitti an den Wnden, eingedrckte Scheiben an der Haustr, Uringeruch und Mll im Treppenhaus. Das kleine Mdchen, das mir die Tr ffnet, macht nur groe Augen, dann erscheint ein Mann, der Vater oder Grovater sein knnte. Russische Wortfetzen und Gesten bedeuten mir, da man hier kein deutsch versteht. Mit Gesten zeige ich, da ich von der Kirche komme, um ihn willkommen zu heien. Er zeigt auf mein Kind: „Dein Kind?“ Ich nicke besttigend. Er wird es schon nicht fressen. Da strahlt der fast zahnlose Mund. Seine Lebensgeschichte sprudelt aus ihm heraus, ich verstehe nur das Wort Sibirien und eine Gestenfolge, die das tragische Ende eines Familienmitglieds suggeriert. Man kommt als Fremder und geht als Freund? Nein, das wre sicher bertrieben. Aber eine kleine Freude haben wir, glaube ich, auch hier hinterlassen.

Diese kleine Reise hat mir viel Freude bereitet, und sie hat mir interessante Einblicke in das ganze Spektrum meiner eigenen Gemeinde gegeben, das ich wohl noch lange nicht kenne.

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