Dem Manne ist geholfen worden – jetzt kann der Mohr gehen


In der „Rather Wandzeitung“, dem Schaufenster des Modehauses H., hängt dieser Tage ein dreiseitiger, „offener“, leider anonymer Brief. Ein Herr V…, nach eigener Darstellung ehemaliger Alkoholiker, beschreibt hier sehr ausführlich den Weg vom Sozialtrinker zum Alkoholiker, Exzesse wie Arbeits- und Wohnungsverlust, Krankheit und Beschaffungskriminalität. Bis dahin ist die Darstellung relativ glaubwürdig, sie ist schonungslos, sagt uns aber nicht wirklich Neues. Ein übermäßig ausführlicher Absatz über Hepatitis wirkt wie aus einem Lehrbuch abgeschrieben. Dann kommt das Schlußplädoyer, und merkwürdigerweise klingen plötzlich alle Sätze wieder wie von der Bürgerinitiative diktiert: Nachdem V… zuvor noch argumentiert hatte, nur mit größter Willensstärke sei der Ausstieg zu schaffen, zieht er jetzt den bekannten Schluß, in Rath würde diese Willensstärke auf eine zu harte Probe gestellt.

Manfred H. hatte noch im Februar in einem Internetforum einen anonymen Schreiber abgekanzelt: „warum schreiben Sie anonym ? In der Demokratie kann für ‚für und wieder‘ (sic) eingetreten werden. Sprechen Sie doch mit uns.“ Jetzt scheint ihm ein anonymer Brief gut genug, um seine Position zu stärken. Wir haben damit keine Möglichkeit zu prüfen, ob der Brief authentisch ist, oder ob er ge- oder verfälscht ist. Nehmen wir fairerweise an, daß er echt ist, so wird er sofort uninteressant: Über das traurige Leben eines Alkoholikers hat er uns, so bedrückend es auch ist, nichts neues zu sagen.

Über das traurige Leben eines Menschen mit kleinbürgerlichen Charaktereigenschaften sagt er uns leider einiges: Als der Mann selbst sprichwörtlich in der Scheiße steckte, waren ihm helfende Institutionen wohl gut genug (wenn der Verfasser dies auch nicht ausdrücklich erwähnt – hätte er es aber ohne Hilfe geschafft, hätte er dies sicher herausgestellt); kaum ist er jedoch draußen, verfällt er in seine kleinbürgerliche Haltung zurück, möchte mit seinen alten Leidensgenossen nichts mehr zu tun haben und möglichst nicht an sein eigenes Leid erinnert werden. Oh ja, wir verstehen, warum dieser den Schutz der Anonymität sucht! Auch die ganze Bürgerinitiative hat ein halbes Jahr gebraucht, ehe sie auf den tagesaktuellen Plakaten erstmals das ViSdP entdeckt hat.

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