Gibt es keine Qualität mehr?


Siemens ruft die wenige Jahre alten Straßenbahnwagen der Rheinbahn in die Depots zurück, diese muß wieder mit den 40 Jahre alten „Vanillepuddings“ auskommen, die fahren wenigstens.

TollCollect gestaltet sich zum Debakel von Weltrang, die Regierung muß Gesetze inzwischen regelmäßig nachbessern, und auch der Klempner klingelt immer öfter zweimal – ist es vorbei mit dem Qualitätsbegriff, mit dem wir groß geworden sind? Ist es wirklich die schnellebige Zeit, die immer kürzere Produktlebenszyklen und deswegen auch zwangsläufig immer weniger Entwicklungszeit zuläßt? Oder ist es Gedankenlosigkeit, die heutige SMS-Kultur, die Flüchtigkeitsfehler nicht mehr korrigiert, sondern mit falscher Gelassenheit hinnimmt?

Manchmal ist man sicher, daß es nicht nur ein Eindruck ist, daß sich die Fehlerquote im Lebensumfeld häuft. Da ist jede dritte Gehaltsabrechnung fehlerhaft, zugegebenermaßen auch mal zu den eigenen Gunsten, die nagelneue Gastherme leckt nach wenigen Wochen, die Call-by-Call-Anbieter im Telefonnetz produzieren wieder Falschverbindungen (die hielt ich seit meiner frühen Kindheit für ausgemerzt, assoziierte sie eher mit der British Telecom). Da wird bei der Projektkalkulation regelmäßig und um Größenordnungen nachgelegt, zuletzt beim Internetauftritt des Arbeitsamtes, bei der Steuerreform wird eine Milliarde vergessen, selbst ohne Böswilligkeit, aus reiner Dummheit. Von der Pünktlichkeitsdebatte um die Deutsche Bahn rede ich lieber gar nicht, und daß man bei Microsoft im Wochentakt „Patches“ nachlädt (zur Erinnerung, das sind Flicken für bei der Entwicklung Versäumtes), gerät dem Internetbenutzer zur Selbstverständlichkeit.

Die Zeiten sind vorbei, wo man sich mit bestimmten Gegenständen des Lebensumfelds ausstattete, die im Wortsinne ein Leben lang hielten. Großmutters bestickte Aussteuer und Max Grundigs Röhrenradio gibt es noch, meinen vorletzten Walkman nicht mehr.

Das ist dabei kein ausschließliches, aber ein herausragendes Problem der Deutschen. Schließlich waren es speziell wir, die einmal aus dem negativen Brandzeichen „Made in Germany,“ das man uns nach dem Krieg oktroyierte, ein Qualitätssiegel machten, das die Welt haben wollte. Amerikanische „Qualität“ wollte und will noch heute niemand haben, Autos sollten bitteschön nie aus Frankreich, sollen aber heute gern aus Japan kommen. Mein derzeitiger Favorit für Qualitätsbegriffe ist eher die Schweiz als die eigene Heimat; dort hat man besser als wir die richtige Balance zwischen „schnell und billig“ und „gut und preiswert“ gefunden. Auch wenn preiswert dort nicht immer unsere Vorstellung von preiswert trifft, so läßt sich dafür gemeinhin um das gut nicht diskutieren.

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